Winter

 

Neuschneebericht

 

Zusammengefasst die Morgenbewegungen
der Kaninchen durch frostfaules Senffeld
ihr Tummelplatz auf einer Brache
in die von offenen Flussdünen kommend
der Reviergang des Fuchses
mündet

der seine Läufe schräg in den Schnee tauchend entlang einer sacht gezogenen Linie schnürt

fett gedruckt

das Auf und Ab des Bisam am Graben
ein Gang hinauf ein Gang hinab
ein Graben nach dem Noteingang
ein Graben nach der Notration ein Rasten
ein Gang hinab ein Gang hinauf

nachträglich choreografiert
filigranes Finkengehüpf
im Saatgesprenkel der Erle

die Signatur des Rüttelfalken
aufgesogen vom Löschpapier des Himmels
wie die Monogramme der Krähen

ganz ohne Durchschlagpapier
verlaufen die Wegsamkeiten der Mäuse
verschleiert vor der Eule
über deren Hungerflug
die Nacht Tinte ausgießt

am Morgen spannt der Winter
eine neue Seite auf

 

 

Niederschrift vom Schnee

seit Tagen versuche ich den Schnee
niederzuschreiben auf ein weißes
Blatt Papier

erst Fülle
ergiebige Fälle
Schneeflocken zergehen auf Zungen
zu strahlendem Lachen
so leicht
wird das Fortkommen erschwert

im Zickzackmuster
klöppelt das Quecksilber
Spitzendecken über Gartentische und Dächer
wirft Girlanden über Zäune
häuft Schlagsahne in die Schalen der Birkenporlinge
junge Baumschulfichten
tragen gewichtige Capes
alte Eichen betonen ihre Kurven
mit Hermelinbesatz

 

 

 

 


dann
feierliche Stille
alles scheint bereit

aber die Misthaufen dampfen weiter und unverfroren
gurgelt der gesättigte Bach

so hockt er seit Tagen
faustdick in den Astgabeln
der Schnee

schließlich schreibt eine Maus
ihren Lebenslauf auf
ein weißes Feld

am Ende
stößt der Turmfalke herab
aus gehungert

vielleicht
ist ein unbeschriebenes Blatt
das beste Gedicht vom Schnee

Hier muss ein Abstand bleiben

hier auch

 

Abstand

Auenabend


Wildgänse - ihr Kräuselfaden schwimmt
auf der graublauen Iris des Himmels

der hat Spiegelscherben hinabgeworfen
schminkt sich Türkis unter rosa Wolkenlider
ein letzter Tageskomet zieht ihm eine Narbe durchs Gesicht

auf der verwitterten Spitze des alten Eichenpfahls
drängen sich winzige Trompeter zum Neujahrsblasen
Erlenvorhänge und die Sprossenwand der Schlehen
verengen den Weg hinunter zum Fluss  

rechts schwärmen Krähen auf
links hievt sich eine Taube geräuschvoll aus dem Geäst
von der Böschung kollern Bläßhühner herunter
schieben ihre weißen Gestirne gegen die Strömung
die kreiselt durch Maulwurfsgebirge
durch Schwanenkotbänke
eilig eilig
mit Grübchen in den wässrigen Mundwinkeln

das Schilf verglüht aprikosenfarben
und leise
erwacht das Flussvolk
eine Grauviolette
gerade gewachsen
steht unschlüssig bis zu den Hüften
ihre gelbbraune Schwester
stößt sich halb liegend vom Ufer ab
ein paar Vielarmige lassen sich schaukelnd treiben

im Krähenschlafbaum zucken die Blätter
bis das Licht vergeht

 

© Jutta Over

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